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Healthy China 2030 – aktuelle Entwicklungen


Chinas Gesundheitsmarkt wächst schnell und wird zugleich komplexer. Noch ist das Land in einzelnen Segmenten auf Importe angewiesen. Spezialisierten Mittelständlern bieten sich aber gute Möglichkeiten, am Wachstum zu partizipieren. Voraussetzung auch hier: die richtige China-Strategie zu finden.

 

Im Zuge der Debatte um Lehren aus der COVID-19-Pandemie haben Politiker eine Verringerung der Abhängigkeit von China als Bezugsland für Wirkstoffe von Medikamenten und medizinischen Produkten gefordert. Es entstand zuweilen der Eindruck, die Pharma- und Medizintechnikbranche werde von chinesischen Herstellern dominiert.

In Wahrheit ist China selbst auf Importe angewiesen. Gemäß Angaben des chinesischen Zollamtes und der GTAI importierte China 2019 Medizintechnik im Wert von 26,8 Milliarden US-Dollar und pharmazeutische Produkte im Wert von 42,3 Milliarden US-Dollar. Die USA und Deutschland waren die Hauptbezugsländer. Daneben bedienen internationale Unternehmen den chinesischen Markt zunehmend über lokale Produktionen.

Zeitgleich wächst der von verschiedenen Langzeittrends getriebene chinesische Gesundheitsmarkt rapide. Gemäß Deloitte werden im Jahr 2025 die Marktvolumina für pharmazeutische Produkte 368 Milliarden US-Dollar und für Medizintechnik 210 Milliarden US-Dollar betragen. Anstatt sich vom Markt abzuwenden, sollten deutsche Unternehmen ihre China-Strategien justieren, um an den sich nach wie vor bietenden Möglichkeiten zu partizipieren. Dabei gilt es jedoch, Herausforderungen und Risiken im Auge zu behalten. Komplexität und Wettbewerb werden weiter zunehmen.

Markttrends: Überalterung und Zunahme von Zivilisationskrankheiten

Mehrere Langzeittrends sowie staatliche Reform- und Entwicklungsprogramme wirken derzeit auf den chinesischen Gesundheitsmarkt ein. Die steigende Lebenserwartung zusammen mit den Folgen der Ein-Kind-Politik führen zur raschen Überalterung der Gesellschaft und zum Ende des Bevölkerungswachstums. Gemäß der UN werden im Jahre 2035 über 409 Million Chinesen älter als 60 Jahre sein, was über 28 Prozent der Bevölkerung entsprechen wird. Die mittlerweile auf drei Kinder gelockerte Familienplanungspolitik kann diese Entwicklung lediglich etwas hinauszögern.

Änderungen im Lebensstil sowie Konsum- und Essverhalten im Zuge des steigenden Wohlstandes führen zum Anstieg von Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit beziehungsweise Übergewicht. Gemäß einer 2019 in der Fachzeitschrift Health Affairs veröffentlichten Studie wird dies dazu führen, dass Behandlungsmehrausgaben für chronische Krankheiten bis 2035 die durch eine verbesserte Gesundheitsinfrastruktur verursachten Rückgänge bei akuten Infektionskrankheiten mehr als ausgleichen werden. Entsprechend wird sich die Nachfrage nach Medikamenten und Medizintechnikprodukten entwickeln. Insgesamt wird ein Anstieg der Gesundheitsausgaben auf 2,53 Billionen US-Dollar erwartet, was einer jährlichen Durchschnittswachstumsrate von 8,4 Prozent entspricht. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am chinesischen BIP wird von heute 6,6 auf 9,1 Prozent im Jahr 2035 zunehmen. In Deutschland lag der Wert laut OECD im Jahr 2019 bei 11,7 und in den USA bei 17,8 Prozent.

Reformen: Healthy China 2030 definert Rahmenziele

Um die steigenden öffentlichen Gesundheitsausgaben zu dämpfen, wird das System der zentralen volumenbasierte Beschaffung (volume-based procrument, VBP) immer weiter ausgerollt. Hierzu werden zentrale digitale Beschaffungssysteme auf verschiedenen Verwaltungsebenen aufgebaut und miteinander vernetzt. Im November 2020 wurde das Ergebnis der ersten VBP-Ausschreibung auf Landesebene verkündet, was zu einem durchschnittlichen Preisrückgang für Koronarstents von über 90 Prozent führte. Da Preiskomponenten die Produktauswahl zulasten von klinischen Effekten bestimmen, werden ausländische Hersteller mittelfristig ohne inländische Fertigung die künftigen Preisniveaus nur schwer erfüllen können.

VBPs sind jedoch nur ein Teil der aktuellen Reformagenda. Der im Jahre 2016 von der Zentralregierung und dem Staatsrat verkündete Strategieplan Healthy China 2030 legt die Rahmenziele für das heimische Gesundheitswesen und Branchenunternehmen fest. Übergeordnetes Ziel ist es, dass definierte Gesundheitsindikatoren das Niveau von Hocheinkommensländern erreichen sollen. Dabei sollen auch der lokale und globale Marktanteil bei Medikamenten und Medizintechnikprodukten erhöht werden, lokalisierte Produktionen gefördert sowie sechs bis acht globale Medizintechnikchampions entstehen. Healthy China 2030 ist der Leitfaden für alle seitdem und künftig veröffentlichten Reformen und Programme.

Chancen und Herausforderungen

Während die Marktbearbeitung komplexer, lokale Unternehmen innovativer und gefördert werden, existieren viele Segmente, in denen ausländisches Know-how und Technologie weiterhin erste Wahl ist. Für spezialisierte Mittelständler werden sich in den kommenden Jahren zahlreiche Marktchancen bieten; das betrifft beispielsweise Hersteller folgender Bereiche: Nischen- und Hightechprodukte von medizinischen Diagnose- und Bildgebungsgeräten, In-vitro-Diagnostik (IVD) und Reagenzien, therapeutische Produkte, Dentalmedizin, Orthopädie, sowie Medikamente zum Einsatz in der Onkologie und zur Behandlung chronischer und seltener Krankheiten. Jedoch nimmt der Druck einer Präsenz vor Ort mit lokaler Produktion immer mehr zu und kann zur Voraussetzung der Marktpartizipation werden.

Wie bereits beschrieben herrscht im Vertrieb zunehmender Preis-, Konkurrenz- und Lokalisierungsdruck. Um am chinesischen Markt überhaupt partizipieren zu können, sind die Produkt- und Wiederregistration Grundvoraussetzung. Je nach Produktklasse sind medizinische Studien durchzuführen und die verschiedenen bürokratischen Anforderungen zu meistern. Produktklassen folgen nicht immer internationalen Klassifikationen, und daher kann eine Zulassung unter Umständen deutlich aufwendiger und kostenintensiver ausfallen.

Nach der Registration muss das Produkt in den verschiedenen Krankenhäusern und auf den VBP-Plattformen gelistet werden; bei Arzneimitteln gilt es auch, die Aufnahme in das Erstattungssystem zu erreichen. Je nach Vertriebsstruktur (direkt oder via Distributor) stellen sich hier verschiedene Anforderungen an das Vertriebspersonal.

Richtige Strategie finden

Der chinesische Gesundheitsmarkt verführt mit seiner Größe und Wachstumsrate, doch fällt es Unternehmen häufig schwer, den Markt zu verstehen und die immer komplexeren Entwicklungen richtig einzuordnen. Lokale Distributoren agieren oft intransparent, am Rande der Legalität und im Eigeninteresse. Unternehmen sollten folgende Punkte bei ihrer Marktstrategie beachten:

  • Ressourcen: Der chinesische Markt verschlingt hohe Finanz- und Managementressourcen. Wer China auf Sparflamme bearbeiten will, hat schon verloren, bevor er beginnt.
  • Produktion und Vertrieb: Abhängig von Investitionsbereitschaft und Kontrollwunsch gilt es, die geeignete Struktur zu wählen. Lokale Produktion und Produktadaptation werden immer wichtiger.
  • Kundendienst: Technische Betreuung, Fachseminare, Training und Schulung von Klinikpersonal sind wichtige Erfolgskriterien am Markt.
  • Marktbeobachtung: Regulatorische Rahmenbedingungen ändern sich in China schnell und sind nicht immer eindeutig. Die China-Strategie muss regelmäßig begutachtet werden.

Für Unternehmen gilt es, im immer komplexer werdenden chinesischen Gesundheitsmarkt den Durchblick zu behalten und Wachstumschancen zu identifizieren. Dabei können lokale Partner aufgrund ihres Marktwissens und ihrer Erfahrung entscheidend zum Erfolg beitragen. Gerade in Zeiten von COVID-19 sollte mit vertrauensvollen Partnern gearbeitet und die China-Strategie überprüft werden.

 

Autoreninformation

Mike Hofmann, MBA, ist Geschäftsführer von Melchers in Peking, einem Marktexpansionspartner, und Chairman of the Board of Directors des Joint Ventures Koehler Pharmaceuticals Beijing Ltd., das Kardioplege- und Organkonservierungslösungen im Bereich der Herz- und Transplantationschirurgie vertreibt.

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